Es gibt Aufnahmen, da merkt man schon nach dreißig Sekunden, dass hier niemand einfach nur vorliest. Das Projekt Heinrich Heine: Traumbilder ist so eine Aufnahme. Zwei Künstler, die ihr Handwerk auf höchstem Niveau beherrschen, nehmen sich einen der größten deutschen Dichter vor, und am Ende steht kein Klassiker im Museumston, sondern etwas erstaunlich Lebendiges.
Kein Hörbuch, sondern ein Gespräch
Der Sprecher Christian Brückner, vielen vertraut als deutsche Stimme von Robert De Niro, trifft auf den Pianisten Michael Wollny. Was die beiden machen, ist keine brave Lesung mit netter Hintergrundmusik. Es ist ein echtes Wechselspiel: Mal trägt die Stimme, mal das Klavier, und oft entscheidet sich erst im Moment, wer das nächste Wort hat.
- Freie Interpretation: Die Musik begleitet nicht brav, sie entsteht im Moment, als freie Improvisation.
- Symbiose: Stimme und Klavier treiben sich gegenseitig an und verweben Rezitation mit Komposition in Echtzeit.
- Atmosphäre: Wollny fängt die Stimmung jedes Gedichts ein und schafft so den idealen Boden für Brückners eindringlichen Vortrag.
Warum ausgerechnet Heine
Heinrich Heine zählt zu den großen Lyrikern, deren Zeilen schon von sich aus einen Rhythmus, fast eine eigene Melodie haben. Genau dort setzen Brückner und Wollny an. Sie zeigen, wie scharf, wie modern und wie überraschend aktuell diese Texte bis heute sind.
Die Eckdaten:
- Künstler: Michael Wollny am Klavier, Christian Brückner als Sprecher.
- Label: ACT Music, in der Reihe In the spirit of jazz.
- Umfang: 24 Titel, die das ganze Spektrum von Heines Schaffen abdecken.
- Formate: Erhältlich als CD und auf Vinyl.
Die Höhepunkte
Zwischen den 24 Stücken finden sich echte Schwergewichte. Denk ich an Deutschland in der Nacht bekommt eine Wucht, die unter die Haut geht. Die Loreley klingt vertraut und doch neu. Und das abschließende Der Vorhang fällt wirkt fast wie ein leiser Abschied.
Was wir daraus mitnehmen
Für uns ist diese Aufnahme ein Lehrstück. Sie führt vor, wie ein erstklassiger Sprecher Literatur durch Rhythmus, Betonung und schlichte Präsenz zum Leben erweckt. Eine Stimme ist eben kein Beiwerk. Sie ist ein eigenständiges Instrument, das im Zusammenspiel mit Musik Emotionen freisetzt, die man so nicht erwartet hätte.